Datenplausibilisierung auf naturgucker.de

Auf naturgucker.de kann jeder Naturinteressierte vom Laien bis zum Experten Naturbeobachtungen melden. Diese Meldungen unterliegen keiner generellen Prüfung seitens des Netzwerk-Betreibers. Unserer Ansicht nach können Naturbeobachtungen nicht als falsch oder richtig bewertet werden, sondern lediglich vor dem Hintergrund einer konkreten Fragestellung als plausibel oder nicht plausibel klassifiziert werden (siehe auch weiter unten). Aus diesem Grunde gibt es bei naturgucker.de kein offizielles Gremium, das jede Beobachtung analysiert und bewertet und die Hoheit der Daten liegt bei Ihnen als Beobachter.

Bei der Erfassung ihrer Daten werden den Meldern jedoch unter Umständen systemseitig erzeugte Fachhinweise angezeigt. Dies geschieht, falls ein Detail der Beobachtung ungewöhnlich ist. Bewertet werden hierbei das geografische Vorkommen, der Beobachtungszeitpunkt und die Anzahl der beobachteten Exemplare beziehungsweise Individuen.

Alle registrierten Nutzer von naturgucker.de sowie die Mitglieder unseres Fachbeirates können Beobachtungen kommentieren. Ist ein Nutzer oder ein Fachbeiratsmitglied der Ansicht, eine Beobachtungsmeldung könnte auf einer Fehlbestimmung basieren, lässt sich dies mittels eines Kommentars zur Beobachtung zum Ausdruck bringen. Alle Kommentare sind für jedermann öffentlich sichtbar. Es steht dem Beobachter frei, seine Beobachtungsmeldung nach dem Erhalt eines Kommentars entweder anzupassen, mit anderen Nutzern zu diskutieren oder so zu belassen, wie sie ist.

Durch dieses Vorgehen, auf ein zentral geregeltes Eingreifen zu verzichten, wird auf naturgucker.de eine Verfälschung der Originaldaten verhindert. So kann naturgucker.de interessierten Nutzern Daten zur Verfügung stellen, die diese vor dem Hintergrund ihrer spezifischen Fragestellungen selbst plausibilisieren können.

Plausibilisieren von Naturbeobachtungen - was ist möglich und was nicht?

Naturbeobachtungen unterliegen vielen potenziell verfälschenden Faktoren und sind deshalb keine exakten Messergebnisse wie aus einem Labor. Sie werden durch eine Plausibilisierung nicht genauer.

Wird etwas in der Natur beobachtet, ist dies ein Prozess, der vereinfacht dargestellt so abläuft: Mit den Augen oder gegebenenfalls mit den Ohren oder der Nase nimmt ein Mensch etwas wahr. Die akustischen, visuellen oder olfaktorischen Reize werden von seinem Gehirn verarbeitet. Das Gehirn gleicht sie automatisch mit bereits Bekanntem ab.

Weil das Gesehene, Gehörte oder Gerochene aber meist nicht exakt dem entspricht, was bereits erlernt/erfahren wurde, findet zu mehr oder minder großen Teilen eine "Autovervollständigung" durch das Gehirn statt. Beim Erkennen der Art durch den Beobachter können also bereits unbemerkt Fehler auftreten - müssen es aber nicht. Von diesem potenziell möglichen Fehler betroffen sind alle Naturbeobachter vom Laien bis zum Experten.

Somit ist es grundsätzlich sinnvoll, Naturbeobachtungen als mit einem gewissen "Bestimmungsfehler", unter anderem durch Wahrnehmungsverzerrungen, behaftet anzusehen, zumal neben dem genannten Effekt zahlreiche weitere eine Rolle spielen. Hierzu hat das naturgucker.de-Team eine dreiteilige Artikelserie in der Fachzeitschrift "Naturschutz und Landschaftsplanung" veröffentlicht. Die Beiträge sind in unserem Download-Bereich kostenlos als PDF-Dokumente abrufbar.

Wer Naturbeobachtungen plausibilisiert, kann folglich aufgrund des unbekannten Ausmaßes des Fehlers, der einer jeden solchen Meldung anhaftet, keine sinnvolle Aussage darüber treffen, ob die einzelnen Beobachtungsdaten richtig oder falsch sind. Es ist lediglich eine Aussage darüber möglich, ob sie nach Ansicht des Überprüfenden plausibel im Sinne von glaubwürdig klingen oder nicht. Das ist nicht dasselbe wie richtig oder falsch!

Vor dem Hintergrund des Nichtwissens kann nicht plausibilisiert werden

Im Zuge einer Plausibilisierung von Naturbeobachtungen kann es vorkommen, dass folgende Äußerung getätigt wird: "Diese Art kommt hier nicht vor, deshalb kann sie nicht gesehen worden sein."

In einem großen Teil der Fälle wird dies sicherlich richtig sein, aber nicht in allen. Hauptsächlich ist dies darauf zurückzuführen, dass eine Plausibilisierung vor dem Hintergrund "kommt hier nicht vor" nicht möglich ist. Denn "nicht vorkommen" ist keineswegs dasselbe wie "bislang nicht beobachtet". Trotzdem wird beides oft gleichgesetzt, worin ein großer Denkfehler liegt.

Eventuell ist das Gebiet bislang überhaupt nicht untersucht worden oder die darin vorkommenden Individuen sind bislang übersehen worden. Eine weitere Möglichkeit ist, dass sie zwar jemand gesehen hat, sie bei der Bestimmung jedoch mit einer anderen Art verwechselt wurden. Demnach käme die Art in dem Gebiet vor, wäre aber noch nicht beobachtet beziehungsweise nicht richtig identifiziert worden. Oder sie wurde bereits beobachtet, die Beobachtungsdaten wurden aber im Zuge der Plausibilisierung für unglaubwürdig erachtet und gelöscht. Damit wäre der Beleg für die Sichtungen verloren, der Datensatz wäre manipuliert worden und in der Folge unvollständig.

Ein weiterer Aspekt spielt eine Rolle: In Zeiten der Globalisierung verschleppt der Mensch immer wieder Arten aus fernen Erdteilen unabsichtlich in andere Länder, oftmals durch Warenlieferungen. So lässt sich unter anderem erklären, weshalb bei einer Naturguckerin im Ruhrgebiet beim Lüften ein Gehörnter Bohrkäfer (Bostrychoplites cornutus) ins Haus geflogen kam.

Das natürliche Verbreitungsgebiet dieser Art liegt in Afrika südlich der Sahara und sie wird als in Deutschland nicht heimisch angesehen. Vereinzelte Exemplare werden von Zeit zu Zeit - wahrscheinlich im Larvenstadium - mit Holzlieferungen aus Afrika in andere Länder gebracht. Erwachsene Käfer sind flugfähig und deshalb in dem Land, in dem die Art an sich nicht vorkommen, doch vereinzelt beobachtbar, und das nicht zwingend in der Nähe des Holzes, mit dem sie eingeschleppt wurden. Das heißt: Einen Gehörnten Bohrkäfer in Deutschland zu beobachten, ist zwar sehr unwahrscheinlich, aber keineswegs unmöglich.

Das hat es bisher noch nie gegeben …

Nur weil es etwas bislang so noch nicht gegeben hat, ist keineswegs sicher, dass es nicht doch inzwischen so sein kann. In der Natur ist der Wandel eine der größten Konstanten - alles ist gewissermaßen ständig im Fluss. Insbesondere in Zeiten des Klimawandels sind heute Beobachtungen möglich, die vor einigen Jahrzehnten so noch undenkbar gewesen wären.

Wärmeliebende Arten breiten sich beispielsweise zusehends aus - genannt seien hier exemplarisch die Wespenspinne (Argiope bruennichi) und das Weinhähnchen (Oecanthus pellucens). Etliche Vögel verändern ihr Zugverhalten. Bei uns überwinternde Stare (Sturnus vulgaris), Weißstörche (Ciconia ciconia) oder Hausrotschwänze (Phoenicurus ochruros) sind längst keine Seltenheit mehr, wohingegen sie noch vor nicht allzu langer Zeit im Süden überwintert haben.

Wird also etwas derzeit noch als ungewöhnlich Geltendes beobachtet und gemeldet, dann ist es sinnvoll, die Meldung unverfälscht zu erhalten. Rückblickend betrachtet kann das, was heute auf den ersten Blick als wenig plausibel erscheint, in 20 Jahren plötzlich als Vorbote einer neuen Entwicklung erscheinen, die in Zukunft bereits völlig normal geworden sein wird. Dies ist ein weiterer aus unserer Sicht triftiger Grund dafür, dass auf naturgucker.de vermeintlich nicht plausiblen Beobachtungen nicht durch eine übergeordnete Instanz geändert oder gar gelöscht werden. Den Beobachtern selbst stehen diese beiden Optionen hingegen selbstverständlich offen, wenngleich naturgucker.de es aus den zuvor genannten Gründen bedauern würde, wenn Daten gelöscht werden würden.

Beobachtungen mit Belegbildern

Hinsichtlich der Plausibilisierung stellen Beobachtungen mit Belegbildern einen Sonderfall dar. Denn auf naturgucker.de können Nutzer zu ihren Beobachtungen Bilder hochladen, die das Gesehene im Zweifelsfall belegen können - oder auch nicht. Denn nicht in jedem Fall sind die Bilder eindeutig interpretierbar und können von den Plausibilisierern unter Umständen höchst unterschiedlich gedeutet werden. Warum das? Einerseits können Fotos qualitativ nicht ausreichend aussagekräftig sein. Dann kann es geschehen, dass ein Betrachter meint, bestimmungsrelevante Merkmale einer Art zu erkennen, wohingegen ein weiterer Betrachter völlig gegenteiliger Meinung ist. Oder aber die auf dem Bild gezeigte Art ist anhand von Fotos nicht sicher bestimmbar. Dies ist beispielsweise bei einer Vielzahl von Insekten der Fall. Deshalb können Belegbilder zwar durchaus oftmals hilfreich bei der Plausibilisierung einer Beobachtung sein, doch sie sind keineswegs ganz grundsätzlich unumstößliche "Beobachtungsbeweise".